Es gibt immer wieder Momente, da stoßen wir als Eltern oder auch als Familie an unsere Grenzen, was die Beziehung zu Marcel betrifft. Er ist nun einmal ein besonderes Kind mit seiner Asperger-Diagnose. Der Alltag ist immer schwierig mit ihm, nichts ist selbstverständlich. Er denkt anders wie wir, ist oft wütend und tobt und schreit dann, wenn etwas nicht nach seinem Kopf geht. Es ist schwer, ihm zu vermitteln, daß wir nicht automatisch wissen, was er will, wenn er seine Wünsche nicht ausspricht. Es ist für ihn auch nicht begreifbar, daß wir nicht in der gleichen Sekunde, in der er seine Frage ausgesprochen hat, antworten können. Ebenso versteht er Verbote nicht und ignoriert Warnungen, z.B. im Straßenverkehr oder bei einer heißen Herdplatte - alles muß immer und immer wieder wiederholt werden, bis es "sitzt". Inzwischen mache ich mir keine Sorgen mehr, daß er einfach über die Straße läuft oder auf den Herd faßt - beim Wasserkocher hat er das Prinzip allerdings immer noch nicht verstanden...
Marcel kann viele Dinge nicht, die für uns selbstverständlich sind, oder er beherrscht sie nur in seinem eigenen Tempo - sei dies das An-, Aus- und Umziehen, das Zähneputzen oder der Gang zur Toilette. Gestern erzählte mir eine Betreuerin in der Schule, daß Marcel eine halbe Stunde zu spät zur AG erschienen war mit der Erklärung, er hätte "ka..en" müssen. Sie wußte nichts von seiner Diagnose, sie wird in der Schule nicht einfach "herumerzählt, man überläßt es uns, gegebenenfalls Lehrer und Betreuer bzw. Erzieher zu informieren, wenn es Probleme gibt. Allgemein stoßen wir aber auf Verständnis für seine Besonderheiten, wenn erst einmal bekannt ist, daß kein böser Wille seinerseits vorliegt, sondern er einfach nicht anders kann.
Leider stört er auch immer noch den Unterricht, aus diesem Grund hat er nun einen Einzeltisch in der Klasse, es wurde ein "Benimm-Buch" eingeführt (von mir, nicht von der Lehrerin), in dem festgehalten wird, wie er sich jeweils vor- und nachmittags verhält - bei überwiegend positiven Einträgen gibt es eine Belohnung in Form eines Ausfluges, eines dicken Eisbechers nach Wunsch oder ähnliches, und es wurde eine persönliche Assistenz für ihn beantragt, eine unterstützende Begleitperson für die Zeit in der Schule während des Unterrichts, des Mittagessens und der Pausen. Mal sehen, wie lange das Schulamt braucht.
Da seine Schreibleistungen nicht so der Bringer waren, habe ich vor einiger Zeit angefangen, die von ihm in der Schule angefangenen Arbeitsblätter, die er vor lauter Tüddelei nicht fertigbekam, direkt nach Schulschluß mit ihm weiter zu bearbeiten. Das klappt sehr gut, inzwischen schreibt er schon um einiges flüssiger und vor allen Dingen auch schneller, weil er weiß, daß es anschließend seinen Lieblingstee (ja, auch Matze ist Chai-Latte-süchtig) und Freizeit gibt. Lesen kann er schon recht gut, er unterbricht immer wieder die Gute-Nacht-Geschichte, weil er einen Satz noch einmal lesen will - wir lassen ihn, es nützt ihm ja.
Dennoch gibt es viele Streitereien, der Alltag mit einem besonderen Kind ist nun einmal sehr anstrengend. Wir reiben uns im Alltag manchmal ganz gewaltig auf, in den wenigen Stunden, die Marcel und uns zwischen Schulschluß und Ins-Bett-Gehen bleiben, fliegen oft die Fetzen, was sich auf uns alle, auch auf unsere Ehe, auswirkt. Hier müssen wir dringend etwas tun - nur was? Ein erster Schritt ist sicher der Urlaub nur für uns Eltern Ende April an der Ostsee, ein Wellness-Wochenende, während die Oma die Kinder hütet.
Saskia leidet natürlich auch, oft kommt sie zu kurz, ständig muß sie zurückstecken. Dennoch liebt sie ihren Bruder heiß und innig, so wie wir Eltern natürlich auch. Allein das hilft, manche Tage durchzustehen. Abends jedoch, wenn die Kinder endlich schlafen, sind wir Eltern dermaßen geschafft, daß kaum noch Zeit zur aktiven Erholung bleibt. Gestern sind wir zum Beispiel schon um 21 Uhr ins Bett gegangen - Männe, weil er Frühschicht hat und um 4 Uhr aufstehen muß, ich, weil ich einfach so geschafft war, daß mir die Augen zufielen und an fernsehen und handarbeiten, geschweige denn eine Blogrunde, gar nicht zu denken war. Trotzdem bin ich heute morgen wie gerädert aufgestanden, ein paar Stunden mehr Schlaf reichen einfach nicht aus.
Vor kurzem wurde ein Selbsthilfeverein für Angehörige von Autisten gegründet, ein Treffen findet Anfang März statt. Ich sollte hingehen, mal sehen, was andere zu erzählen haben und was man für Tipps für den Umgang mit besonderen Kindern mitnehmen kann.
Ich lese mich derzeit erst einmal durch die in der Bücherei in erstaunlich großer Menge zu findende Fachliteratur, derzeit ist es "So helfen Sie Ihrem autistischen Kind" von Jackie Brealy und Beverly Davies, ein Buch, daß mich sehr anspricht - es gibt auch ganz andere Bücher zu dem Thema, die meiner Meinung nach viel zu radikale Ansichten haben wie z.B., daß man sein autistisches Kind aus der Schule nehmen solle, da man es dort eh nicht verstehen würde, daß man "Freunde" bezahlen solle, damit sie mit dem Kind spielen etc. Nach etwa der Hälfte des Buches habe ich aufgegeben, so einen dicken Hals hatte ich.
Ich will mich bestimmt nicht über Marcel beschweren, auf keinen Fall. Er ist ein toller Junge, ein total aufgewecktes Kerlchen, "plietsch" nennt man das hier. Er ist unheimlich musikalisch und rechnet für sein Leben gern. Sobald man ihm Werkzeuge in die Hand gibt, ist man total abgemeldet, bei seiner Oma darf er zum Beispiel immer Specksteine bearbeiten.
Jetzt wollen wir sein Kinderzimmer auf den Kopf stellen, das Laminat kommt raus, die Tapeten ebenfalls. Bett und Kleiderschrank kommen vorübergehend in Saskias Zimmer und dann wird neu tapeziert, ein Teppichboden verlegt, der neue Wäscheschrank und die neuen Regale aufgebaut, Bett, Schreibtisch und Spielzeug kommen zurück. Am meisten freut er sich - natürlich - auf das Tapetenkratzen. Somit wird er - und wir natürlich auch - erst einmal für einige Tage beschäftigt sein und somit auch ausgeglichener.
Wir hatten auch versucht, Freizeitbeschäftigungen für ihn zu finden, sind aber damit gescheitert ;-) Fußball findet er total bescheuert, die Musikschule langweilte ihn. Nun, da er bis 15.30 Uhr in der Schule ist, sollte die wenige Zeit am Nachmittag nicht auch noch durch diverse Termine verplant werden, so daß wir jetzt wieder auf die guten alten Gesellschaftsspiele zurückgekommen sind. Alle vier gemeinsam spielen wir Mensch-ärgere-Dich-nicht oder das Spiel des Lebens, Männe bringt derzeit aber auch beiden Kindern das Schach-Spielen bei - da habe ich nun ganz und gar keine Ahnung von, ich lese dann lieber, nähe, stricke oder oder oder
Was wollte ich eigentlich sagen? Keine Ahnung, vielleicht wollte ich einfach nur die Ruhe hier im Blog erklären, gerade jetzt im Winter, wo die Kinder mehr zu Hause sind, ist nicht viel Energie übrig für andere Dinge als Kinder, Haushalt und Job, selbst die Beziehung leidet.
Wir sind da, uns geht es einigermaßen gut und wir schaffen das - jawoll!
(wenn das jetzt noch mit dem neuen Job klappen würde - Bewerbungsschluß ist am 29.02., dann will man sich wieder melden, meine Bewerbung "ist interessant", was auch immer das heißen mag)
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Oh liebe Petra, da habt Ihr es ja wirklich nicht leicht zur Zeit. Aber Ihr seid so tolle Eltern und so denke ich, bekommt Ihr das auch alles in den Griff. Und natürlich wird Euch der Urlaub gut tun. Gibt es nicht auch Mutter und Kind-Kuren oder Eltern und Kind-Kuren? Vielleicht habt Ihr da auch einen Anspruch drauf. Meine Cousines Tochter war neulich mit ihren Zwillingen 3 Wochen zur Kur. Das hat denen auch gut getan. Und für den neuen Job drücke ich natürlich auch ganz fest die Daumen.
AntwortenLöschenAlles Liebe
Brigitte die Weserkrabbe
PS: Kannst Du nicht diesen blöden Zeichencode rausnehmen und die Kommentare nur moderieren, dann siehst Du doch auch was an Kommentaren reinkommen. Mich nerven die immer, weil ich sie immer mindestens zweimal eingeben muss.
Hallo Brigitte! Sicher gibt es solche Kuren, aber da beide Kinder zur Schule gehen und wir beide berufstätig sind, sehe ich da ein echtes Problem, also denken wir gar nicht groß darüber nach. Wenn überhaupt, würde uns eine Auszeit nur helfen, wenn wir sie tatsächlich alle zusammen nehmen könnten, dafür muß dann doch ein regulärer Urlaub herhalten - und da können wir auch noch nicht wirklich planen, da wir nicht wissen, wie es bei mir jobtechnisch weitergeht (die zweite Bewerbung ging am Sonntag raus).
AntwortenLöschenDie Kommentare habe ich auf Moderation umgestellt; ich wußte nicht, daß es da Probleme gibt, insofern danke für Deine Nachricht.
Liebe Grüße
Petra