Samstag, 2. Oktober 2010

Gestreßtes Wesen

So nennt Männe mich derzeit - und er hat leider nur allzu Recht damit. Ich steh unter Strom, habe Probleme, abzuschalten. Ein falsches Wort und ich geh an die Decke. Warum?

Marcel :-(

So traurig es ist, aber der Junge schafft mich, ich stoße extrem an meine Grenzen. Marcel ist anders als andere Kinder, das haben wir schon früh bemerkt. Er lebt oft in seiner eigenen Welt, kann viele Dinge noch nicht, die Kinder in einem gewissen Alter schon beherrschen sollten. Sei es das Trinken aus einem Glas, Essen mit einer Gabel oder einem Löffel, Zähneputzen, alleine Anziehen (die Sachen werden ja zurechtgelegt). Da findet sich noch mehr, das fällt mir jetzt nur spontan ein. Marcel kann all diese Dinge nicht oder erst, seitdem der Kinderarzt auf mein Beharren hin, das etwas geschehen müsse, drei Runden Ergotherapie = 18 - 20 Stunden verordnete. Seitdem kann er wenigstens relativ kleckerfrei aus Gläsern oder Bechern trinken. Die Ergo ist ausgelaufen, jetzt wurde im Sommer getestet, ob er vielleicht am Asperger-Syndrom leidet, also Autist ist. Die Tests fanden statt, das anschließende Elterngespräch ergab, daß er in vielen Dingen Asperger-Symptome aufweist, aber in einigen auch nicht. Vom Elterngespräch her hätte man gesagt, daß er Autist ist, aber die Tests mit ihm selbst ergaben ein anderes Bild. Man riet uns zu weiteren Tests.

Ein Gespräch mit dem Kinderarzt hat nun ergeben, daß wir ihn bei einem Kinder- und Jugendpsychologen vorstellen sollen, der auf ADS, ADHS und/oder dem Vorliegen von Zwangsstörungen testen soll. Diese Tests werden erst zu Schulbeginn durchgeführt, was meiner Meinung nach zu spät ist, so daß wir uns nun auf kurz vor dem sechsten Geburtstag = nächstes Frühjahr einigen konnten.

Und bis dahin? Durchhalten, irgendwie! Was dabei mit den Eltern wird, scheint egal zu sein, da wird einem keine Hilfestellung angeboten. Und ich hasse mich manchmal selbst dafür, daß ich so wütend auf den kleinen Mann werde, der doch nicht aus seiner Haut kann. Dass ich laut werde, wenn er es auch nach fast einer Stunde nicht hinbekommen hat, seinen Schlafanzug anzuziehen oder wenn mal wieder 200 Liter Wasser für einmal Zähneputzen draufgingen oder eine Rolle Klopapier für einmal Pipi oder oder oder. Ich kann doch nicht alles für ihn und mit ihm machen. Ständig an seiner Seite zu sein geht nicht, beim besten Willen nicht. Dann kommt Saskia zu kurz, Männe zu kurz, der Haushalt zu kurz, mein Job, ich....

Abschalten ist schwer, so schwer. Der Alltag läuft ja weiter. Im August hatte ich Urlaub. Ich war froh, als ich im September wieder ins Büro "durfte", ich stand kurz davor, mich aufzureiben. Selbst ein paar Tage wegzufahren, was finanziell sowieso nicht drinliegt, würde nichts bringen, denn bei meiner Rückkehr hätte sich ja doch nichts geändert. Männe unterstützt mich, wo er kann, nimmt mir die Kinder, vor allem Marcel, ab, wenn er merkt, daß mir wieder die Luft wegbleibt. Ich versuche, so oft wie möglich mit meiner Mutter unsere Walkingrunden im Bürgerpark zu drehen, reden und laufen und frische Luft tun gut.

Anfang August bin ich beim Kochen mittags zusammengeklappt, mir wurde schwarz vor Augen. Die Kinder fanden's lustig, Mama schlief auf dem Küchenboden. Ich kann mich nicht daran erinnern, ich kam wieder zu mir und saß auf dem Küchenstuhl. Der Filmriß dauerte wie lange? Keine Ahnung. Übrig blieb eine Beule hinter dem rechten Ohr und Dankbarkeit, daß nichts passiert war - den Herd hatte ich offenbar geistesgegenwärtig noch abgeschaltet.

Seitdem plagen mich aber immer wieder Schwindelanfälle und heftige Konzentrationsstörungen, so schlimm, daß ich manchmal keinen vernünftigen Satz mehr zusammenbekomme. Mir fallen dann die einfachsten Wörter nicht mehr ein, ich bin dann total hilflos. Letztens wußte ich im Büro nicht mal mehr, wie ich heiße, als ich ans Telefon ging.

Mein Arzt meint, es könnte sich um Streß handeln, könnte aber genausogut eine Folge des Sturzes von Anfang August sein. Jetzt stehen diesen Monat Termine beim Radiologen und Neurologen an, um Gewißheit zu bekommen.

So kommt eines zum anderen. Wie gesagt, abschalten ist schwer. Ich versuche es mit lesen oder nähen, da klappt es meistens. Wenn ich nähe, ist sogar Marcel ruhig - aber ich kann ja nicht den ganzen Tag an der Maschine sitzen. Das Rattern scheint ihn einzulullen, sobald ich anfange, steht er neben mir, möchte am liebsten auf den Schoß. Diese Woche entstanden so schon ein Rock für Saskia und ein Kapuzenpulli für Männe. Zugeschnitten sind noch eine Hose für Marcel und eine Strickjacke für Saskia, geplant eine weitere Hose für Saskia und eine für mich, dann wären die Cordstoffe alle gut und sinnvoll vernäht. Mal schauen, wann ich dazu komme.

So, jetzt erst einmal genug gejammert, so viel wollte ich gar nicht schreiben.

2 Kommentare:

  1. Hey, meine Liebe! So aber nicht! Ich mach doch nun auch meine Kur (noch ein Ausrufezeichen)! Wie wäre es, wenn Du auch mal schaust. Es gibt viele Kliniken, die auch grade bei Auffälligkeiten der Kinder greifen. Das geht ja nun gar nicht, dass Du hier gepflegt in Dich zusammenbrichst. Ab zum Arzt, ab zur Kur, ab zur (dortigen, ruhigen) Diagnostik. Da können die Ärzte sich Marcel auch mal über längere Zeit anschauen. Mensch, Du, ich drück Dich! Lass Dir doch auch eine Kur verordnen, auch grade Dir, Deinen Kindern ist nicht gedient, wenn Du zusammenbrichst!

    Ganz liebe Grüße!

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  2. Rosa? Einfach danke! Ich drück Dich mal zurück und denke drüber nach.

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